Worldwalker Andrej Raider

WALKING FOR PEACE

Grosse Herzen (Paraty – Bertioga)

Posted on | May 17, 2009 | No Comments

Von einem Motorboot wurde ich von Michel mit meinem Rucksack wieder an Land von Paraty gebracht und wanderte zunaechst eine bergige Landschaft nach oben. An diesem Tag lag ein weiter Weg vor mir. Strasse und Baeume, sonst nichts. 20 Km lang. Ich passierte die Grenze des Staates Sau Paulo. Die “Pampa” schien endlos. Weit und breit nichts. Ich machte einige Pausen und wanderte wieder, bis in die Nacht. Ich kam um 23 uhr mit zerstoerten Fuessen und kraftlos an einem Pfad an, der mich durch ein kleines dorf, bergauf, bergab, durch Waelder, Huegel und Schlammloecher schliesslich an einen Strand fuehren sollte. Ich konnte diese 5 Km nicht mehr gehen, schlief 10 Minuten am Strassenrand, ass die letzte Banane und machte mich schliesslich auf den Weg. Ich erreichte den Strand, ging zu einer Poussada (Herberge) und hoffte, dass sie guenstig ist. Ein Mann, der mir mit einer Mischung aus Langeweile und Unfreundlichkeit entgegentrat fragte, was ich wollte. Ich erklaerte ihm meine Lage und fragte ob ich das Zelt am Strand aufbauen koennte. “Nein, am Strand ist verboten”.  Ich fragte ihn ob er noch ein Zimmer haette. “Ja, ein kleines, unmoebeliertes. Und Essen gibts nicht.” Ich fragte, was es kostet.

“80 Real”. Erst dachte ich, er macht Witze, aber sein Gesicht dabei war toternst, also verabschiedete ich mich und baute das Zelt am Strand auf. Ich entdeckte, dass meine Schuhbaender zerrissen waren. Einer der vielen Faktoren, der die Wanderung an diesem Tag erschwerte. Ich fiel in den Schlaf und baute das Zelt wieder morgens um 7 ab, noch bevor mich jemand entdecken konnte.

Um 8 oeffnete die Bar, wo ich fruehstueckte und mit den Barkeeperinen quatschte. Schliesslich band ich improvisierender Weise meine Schuhbaender wieder zusammen und ging weiter. Es lief besser. Was ich am meisten brauchte, war Schlaf. Ich kam nach weiteren 20 Km an dem “Restaurante Russo” an. Der Tag neigte sich wieder dem Ende zu. Ich dachte mir dort russisch sprechende Leute anzufinden, also ging ich hinein.

Nur ein Tisch war besetzt. Eine Brasilianerin, definitiv, und ein hellhaeutiger. Blonde Haare, blaue Augen. Dieser stand auf und begruesste mich. Fragte mich ob ich mich dazugesellen wolle und ein Bier trinken wolle. Ich willigte ein und wir reichten uns die Haende. “André”, sagten wir beide zeitgleich und waren beide zeitgleich verwirrt. Im naechsten Moment ist angekommen, dass wohl beide André heissen. Die 28 jaehrige Brasilianerin stellte sich als Vanessa vor. Wir quatschten und tranken Bier.

“Du kannst in meinem Haus schlafen”

Ein traumhaftes Haus. Ebenfalls in der Natur und auf einer Anhoehe gelegen. Versteckt. Ich hatte endlich wieder eine Dusche, ruhte mich aus, genoss eine unglaubliche Aussicht auf die weiten des Meeres und die eigentlich riesigen Inseln, die von dort oben aus betrachtet wie gruene Kruemel erschienen. Ein Pool. Natuerlich springe ich rein. Wir trinken wieder Bier und nach der fuenften oder sechsten Dose spreche ich fliessend portugiesisch. Ich Vanessa und Andre philosophieren ueber Gott und die Welt. Vanessa zeigt mir den Samba-Grundschritt und mit Andre diskutier ich ueber die Herkunft saemtlicher Sprachen. Ich merke, wie ich mich in diesem Land mehr und mehr entspanne…

Nach Mitternacht ging jeder in sein Bett. Ich bedankte mich, setzte meine Reise am naechsten Morgen fort und landete schliesslich in Ubatuba. Dort angekommen ging ich ins Internet-Café und verbrachte dort gut eine Stunde. Die Sonne ging unter. Ich fragte die Frau am Schalter, ob es hier in der Naehe eine Feuerwehrstation gaebe. “Hier? Nein… Die naechste ist ziemlich weit. Wieso wo brennt´s denn?”. Ich klaerte auf.

“Wie du bist Durchreisender und hast keinen Schlafplatz?”. Sie griff zum Telefon, machte 3 Anrufe und sagte schliesslich: “Du kannst in dem Haus meiner Cousine schlafen”.

Eine wunderbare Familie. Sie hoerten interessiert zu, als ich meine Geschichte erzaehlte, gaben mir ein Zimmer, gaben mir Essen. Wir sassen zusammen im sehr simplen Wohnzimmer und schauten TV. Still und friedvoll. Und am naechsten Tag, wie immer, setzte ich meine Reise fort…

An diesem Tag war die Route so trickreich, wie der Name meines Zieles: “Caraguatatuba”. Die Strasse nach Caraguatatuba bildete dutzende Kringel, Halbkreise, Schlaengel, so dass aus 1 Km Luftlinie teilweise 5 Km Weg wurden.

Langsam aber sicher beginne ich eine Veraenderung in meinem Kopf zu spueren. Nach 10 Monaten des Wanderns bekommt man ein ganz neues Seinsgefuehl, das ich jedoch nicht genauer beschreiben kann. Ich koennte nicht einmal sagen, ob es besser oder schlechter ist. Es ist eine Veraenderung. Ich nehme war, dass es mir sehr leicht faellt zu wandern und dass es mir inzwischen sehr natuerlich erscheint. Der Gedanke an Menschen, die an einem Platz verweilen und ihrer Arbeit nachgehen, wird mir immer fremdartiger. Viele Gedanken gingen mir an diesem Tag durch den Kopf. Viele Meschen, die, wie gehabt, teilweise mit Skepsis und teilweise mit Neugier, einige sogar mit Begeisterung den fremden Wanderer betrachten. Winken und fragen: “Wohin?”

“Nach Paraguay!” sage ich immer, da es das naechste Land ist, und winke zurueck.

“Ist gleich um die Ecke!”, witzelte einer und lachte.

Ankunft in Caraguatatuba. Nacht, Stadtrand (=15 km Ghettoviertel), Betrunkene auf der Strasse, kein Camp, Hostals zu teuer. Ich betrat eine Bar, legte den Rucksack ab und fragte die Barkeeperin, ob ich mich nur ausruhen koenne. Sie erlaubte und setzte sich selber an einen Tisch. Wir quatschten. Sie erzaehlte von ihrem Sohn, der in Deutschland lebt, von ihrer Familie, von ihrem Enkel,… und befragte mich zu meiner Reise, meiner Familie, meinem Leben. Sie bot mir Essen an. Ich muss sagen, dass das Essen in Brasilien zu 80% aus Reis, Bohnen und Fleisch besteht. Aber schmecken tut es, ich kann mich nicht beklagen. Wir leerten 2 Flaschen Wein und einige Gaeste setzten sich dazu. Nach einigen Stunden bot mir einer der Gaeste seinen Wagen als Schlafplatz an. Ich willigte dankbar ein und schlief nach Feierabend im Auto. Nach einem Fruehstueck am naechsten Tag marschierte ich nach Sao Sebastião. Ein ebenfalls wunderbarer Ort mit einem sehr langem, bildschoenem Strand. Ich schlief bei der Feuerwehr. Das bisher einzige mal, dass die Feuerwehr mich an ihrer Station schlafen liess. Hilfe fuer Wanderer bei der Feuerwehr hier eher nicht gaengig. Bei dieser jedoch schon. Es gab wunderbares Abendessen und Fruehstueck.

Der Weg an diesem Tag fuehrte durch kleine, sehr simple und arme Doerfer. Ich wusste, dass ich die naechste Stadt vor Sonnenuntergang nicht mehr erreichen wuerde. Ich wanderte noch etwa 5 km in der Dunkelheit. Musik lockte mich an den Strassenrand. Sie kam aus einer Bar, am Rande einer Favela. Ich betrat die Bar und bestellte ein Bier. Ein Kunde fiel mir besonder auf. Ein junger Brasilianer, vielleicht so alt wie ich, froehliger Ausdruck und ein laecheln in den Augen. Er erschien mir sehr sympathisch und ich sprach ihn an. Es begann ein smal-talk. Die Bar fuellte sich. Inzwischen war ich und Jefferson in einem Gespraech vertieft. Er ist 20 Jahre alt, hat eine Frau, einen Sohn, arbeitet in der Stadt im Restaurant und wohnt in der Favela. Er erzaehlte etwas von seinem Leben und ich von meinem. Ich forderte ihn zu einer Partie Billard heraus. Das erste Spiel gewann ich, das zweite er. Die Bar fuellte sich und ich begann mich mit mehreren Leuten zu unterhalten. Ein junges Maedel, machte mir Essen, als ich von meiner Reise erzaehlte. Schliesslich liess mich Jefferson in seinem Haus schlafen. Wir wanderten den steilen Favelahuegel nach oben. Ich lernte seine Frau kennen und seinen Sohn, der noch kein Jahr alt ist. Es war ungewohnt fuer mich, im Haus einer Familie zu Gast zu sein mit dem Wissen, dass ich mit meinen 23 Jahren der Aelteste bin. Wir unterhielten uns noch etwas und schliesslich schlief ich auf einer Matratze ein, mit zwei schlafenden Baby-Katzen auf meinem Bauch. Am naechsten Morgen zeigte mir Jefferson seine Handysammlung. (Nichtfunktionierende) Handys aus aller Welt. Ich fuegte meine beiden nichtfunktionierenden Handys hinzu, die ich bis hier hin mitschleppte und nicht wusste, warum. Nun wusste ich es. Ich bedankte mich fuer die Gastfreundschaft und ging meines Weges. Eine wunderbare Favelaerfahrung.

Der folgende Tag begann mit einer nicht endenden und unglaublich steilen Steigung. Gelegenheiten zum Pausieren gab es nicht. Erstaunlicherweise war ich trotz der Hitze und der Steigung sehr fit und marschierte recht schnell die 20 km durch das huegelige Land. Ich kam in einem gemuetlichen, kleinen Dorf, abseits der Strasse an, pausierte und liess mir von den freundlichen Menschen erzaehlen, dass es hier eine deutsche Pousada (Herberge) gaebe. Aus Neugier und dem Wunsch heraus mal wieder mit Deutschsprachigen zu kommunizieren, ging ich hin. Ich wurde von Guenther Judith und Oliver mit Kaffee und Kuchen empfangen und wir hatten ein nettes Gespraech im Hof der Pousada. Nicht die ersten Deutschen, denen ich begegne, die Brasilien zum leben bevorzugen, was in meinen Augen sehr verstaendlich ist. Nach etwa einer Stunde verabschiedete ich mich und marschierte weiter in Richtung Bertioga, was ich nicht erreichte, da es zu weit war. Da die Feuerwehr mich an diesem Tag wieder ablehnte, war ich gezwungen in einer Herberge zu schlafen. Ich redete an diesem Abend mit Menschen aus Spanien, Chile und Argentinien. Es war sehr unterhaltsam und entspannend. Wunderbares Fruehstueck am naechsten Tag und Fortsetzung meiner Reise….

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